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Hirsche im Dorf

Hirsche im Dorf: Dürfen wild lebende Tiere mit Menschen Freundschaft schließen? (pdf-download des Artikels) [998 KB]



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D Ü R F E N   W I L D   L E B E N D E   T I E R E . . . 

... mit Menschen Freundschaft schließen?

In Thüringen gibt es ein Dorf, in dem wild lebende Tiere - genauer gesagt: zwei Hirsche - es gewagt haben, Freundschaft mit Menschen zu schließen. Die Jäger sprachen von einer »nicht zu unterschätzenden Gefahr«, und - wen wundert es, da es sich um Jäger handelt - der Abschuss wurde gefordert. Da mag so manche Erinnerung an den Skandal um den Abschuss von Bär Bruno wach werden... Auch Bruno wurde es bekanntlich zum tödlichen Verhängnis, dass er kaum Scheu vor Menschen zeigte.
Und auch das Sommermärchen der zahmen Hirsche im thüringischen Katzhütte wurde vorzeitig beendet.



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Wegen zwei Hirschen ist die Ortschaft Katzhütte im Thüringer Schiefergebirge im Sommer 2008 in ganz Deutschland und sogar im benachbarten Ausland bekannt geworden. Katzhütte zählt 2.200 Einwohner; zusätzlich besuchen etwa 2.500 bis 3.000 Urlauber jährlich den Erholungsort zum Wandern oder im Winter zum Skifahren. Die beiden kapitalen Hirsche, welche die Bewohner von Katzhütte »Peter« und »Paul« genannt haben, kamen bereits seit einigen Jahren in die Nähe des Ortes, dann sogar in die Gärten - und sie sind mit der Zeit immer zutraulicher geworden. Im Frühjahr und Sommer 2008 waren die beiden Hirsche dann so zahm, dass sie den Bewohnern aus der Hand aßen und sich von ihnen streicheln ließen. Peter und Paul wurden sogar zur Touristenattraktion des kleinen Erholungsortes. Leider fand das Märchen Mitte August 2008 ein Ende. Wir waren Ende Juli mit der Kamera vor Ort. Und wir haben uns von den Bewohnern die ganze Geschichte erzählen lassen.



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Natürlich ist es äußerst ungewöhnlich, dass freilebende Hirsche so nah an eine Ortschaft herankommen. Anwohner berichteten uns, dass die Hirsche in den vergangenen Jahren zunächst auf den nahe gelegenen Wiesen zu sehen waren. Dann sind sie über den Zaun um den Friedhof gesprungen und haben sich die Stiefmütterchen schmecken lassen. Der Zaun wurde dann erhöht. Schließlich kamen sie in die Gärten - wohl auf der Suche nach Nahrung. Damit die Hirsche nicht die Gärten leer fraßen, haben die Anwohner begonnen, die Hirsche zu füttern - und so wurden sie immer zutraulicher. »Die haben in der ersten Zeit überhaupt nicht aus der Hand gefressen«, berichtet ein Anwohner. »Wir haben ein paar Wochen Brot hingeschmissen, hingehalten - ganz vorsichtig.« Ein anderer Bewohner von Katzhütte erzählt uns, dass die Hirsche, seitdem sie von den Einwohnern gefüttert wurden, die Blumen auf dem Friedhof und die Gärten in Ruhe ließen. So mancher Anwohner erhöhte seinen Zaun oder spannte ganz einfach ein rot-weißes Flatterband um seine Rosen - was die Hirsche offenbar akzeptierten.

Doch im Juli 2008 untersagte die Gemeinde Katzhütte in Absprache mit der Jagdbehörde in einer öffentlichen Mitteilung das Füttern der Hirsche und das Auslegen von Futter innerhalb des Dorfes. Es wurde angekündigt, dass Verstöße künftig angezeigt und als Ordnungswidrigkeit verfolgt werden. Und die Untere Jagdbehörde sah in den Hirschen eine »nicht zu unterschätzende latente Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung.« In den Tageszeitungen war immer wieder von »Abschuss« die Rede.


»Zwischen 5.000 und 7.000 Euro bezahlt der Jäger fürs Schießen. Nur fürs Geweih.«

Viele Einwohner von Katzhütte hatten die Befürchtung, dass die Jäger die Hirsche abschießen werden, weil sie so große und schöne Geweihe haben. Ein Hirsch, der wie Peter und Paul nahe an die Ortschaft kam, soll vor einiger Zeit abgeschossen worden sein. Doch ausgerechnet die kapitalen Geweihe haben offenbar den Hirschen Peter und Paul das Leben gerettet - weil die einheimischen Jäger die Abschussprämie nicht bezahlen können. »Das sind Prachthirsche«, erzählt uns der Gastwirt von Katzhütte, Klaus Fuhrmann. »Zwischen 5.000 und 7.000 Euro bezahlt der Jäger fürs Schießen. Nur fürs Geweih. Das ist ein ungerader 20er und ein ungerader 18er.« Der Gastwirt erzählt, dass es im Ort Stimmen gebe, die sagen: »Die Hirsche müssen weg«. Und die anderen sagen: »Lasst sie doch da«. Dies sei auch seine Meinung: »Wenn die Tiere bisher nie jemandem was getan haben - warum sollen die sie wegtun. Die sollen die Tiere so lassen - und die Leute füttern sie eben. Ich hab den Vorschlag auch gemacht, sie könnten sie kennzeichnen. Dass die Jäger, die hier im Umfeld auf der Jagd sind, wissen, das sind die zwei zahmen Hirsche.«

Ein ehemaliger Forstarbeiter erzählt, wie der Förster vor zwei Jahren mit einem Jagdgast unterwegs war, der einen kapitalen Hirsch zum Abschuss frei hatte. Doch die Hirsche sind im Dorf geblieben: »Die Jäger haben da auf ihrem Hochsitz gewartet... Die Hirsche gingen aber nicht in den Wald, die haben sich im Dorf hingelegt. Und die Jäger haben gelauert und wollten die Hirsche `abknipsen´ (=abschießen) - und es ging nicht. Das war vor zwei Jahren. War nichts zu machen. Die haben sie nicht in den Wald gekriegt. Ja, die Hirsche wissen, dass es ihnen hier gut geht.«


Zu intelligent für die Jäger?

Offenbar wussten die Hirsche genau, wo sie sicher waren und wo ihnen Gefahr drohte. Und offenbar konnten sie auch unterscheiden, welche Menschen ihnen freundlich gesonnen und welche Menschen gefährlich waren. Und sie waren so intelligent, dass die Jäger auf dem Hochsitz sie einfach nicht vor die Flinte bekamen - solange im Wald Gefahr drohte, blieben die Tiere lieber im Dorf.

Aktuelle Forschungsergebnisse, die in der Fachzeitschrift »National Geographic« veröffentlicht wurden, belegen, dass Tiere intelligenter sind, als bisher angenommen wurde. Viele Tiere sind zu Gedankenleistungen fähig, die bisher nur Menschen oder Menschenaffen zugetraut wurden. »Homo sapiens« ist nicht der Einzige, der erfinden und planen kann und gezielt handelt. Viele Tiere verfügen über ebensolche Fähigkeiten und können mit dem Menschen kommunizieren. Und: Tiere haben ein gutes Gedächtnis.



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Seit 4 Jahren kommen Peter und Paul in den Garten einer jungen Frau

Eine junge Frau, die in ihrem Garten täglich von Peter und Paul Besuch bekommt, berichtet uns: »Die Hirsche kommen jetzt schon vier Jahre, und es war nie ein Problem. Jetzt auf einmal sagt man, sie seien gefährlich...« Während wir miteinander sprechen, streichelt sie einen Hirsch am Kopf. Das Tier wird ganz ruhig und hat einen Ausdruck des Genießens im Gesicht. »Wenn man sich vier Jahre an so ein Tier gewöhnt hat... Und sie könnten hier gut und gerne noch sieben, acht Jahre leben! - So zahm wie jetzt sind sie erst seit diesem Jahr.« Wir fragen sie, ob es ihr nichts ausmache, dass die Hirsche in den Garten gehen? »Naja, sie machen schon Schaden - aber man muss damit leben. Oder: Wir können damit leben. Für uns ist das kein Problem. Die Tiere waren ja vor uns da.« Den Jägern steht die junge Frau daher äußerst kritisch gegenüber, besonders den Hobbyjägern und der Trophäenjagd: »Die Jagd in Thüringen sollte verboten werden. Es gibt zu viele Hobbyjäger.« Sie erzählt, dass genau der Hirsch, den sie gerade streichelt, im letzten Jahr schon freigegeben war zum Abschuss. »Aber sie haben ihn nicht gekriegt.«


»Es ist doch etwas Besonderes, wenn man unseren Gästen zahme Hirsche zeigen kann«

Die Befürchtung, dass den Hirschen der Abschuss drohte, scheint nicht unbegründet gewesen zu sein - schließlich hat der zuständige Förster vor laufenden Fernseh-Kameras erklärt, er »habe nichts dagegen, das Wild abzuschießen«. Sehr engagiert gegen den Abschuss der beiden Hirsche setzte sich der Inhaber des örtlichen Gasthofes, Klaus Fuhrmann, ein. Er richtete über Peter und Paul sogar eine eigene Internetseite ein, die ständig aktualisiert wird. Klaus Fuhrmann meint: »Es ist doch etwas Besonderes, wenn man zwei zahme Hirsche unseren Besuchern oder Gästen zeigen kann, statt sie vom Jäger abschießen zu lassen.«


»Die Tiere möchten die Freunde der Menschen sein«

»Wir haben gelernt, mit den Tieren zu leben und die Tiere mit uns - und es funktioniert ganz gut.« Das sagt die junge Frau, die ganz versonnen eine halbe Stunde lang einen riesigen Hirschen am Kopf streichelt - und der Hirsch hält ganz still. Es ist ganz offensichtlich: Dieser Hirsch hat keine Angst mehr - er liebt die Nähe der Menschen. »Ja, sie genießen das«, bestätigt die Anwohnerin. »Die Tiere möchten eigentlich Freund sein - aber das liegt am Menschen.« Von einer Plage könne man nicht reden - auf keinen Fall. Und von einer Gefahr auch nicht. Die Hirsche würden niemandem etwas tun. »Sie sind ja so vorsichtig! Selbst wenn sie die Straße überqueren - das haben wir schon beobachtet. Sie gucken erst, ob ein Fahrzeug kommt oder nicht...« Bei Kindern seien sie ganz besonders vorsichtig. »Auch die Katzen verstehen sich mit den Hirschen - die gehen zusammen spazieren... Sie verstehen sich gut - es ist wie im Märchen.«

Nachdem der Hirsch seine Streicheleinheit bekommen hat, legt er sich im Garten ins Beet. Die Frau holt unterdessen einen Kuchen aus dem Backofen. Inzwischen ist auch der zweite Hirsch gekommen. Auch er lässt sich gemütlich im Gras nieder. Es ist wirklich wie im Märchen. Die junge Frau sitzt vor dem Haus auf der Treppe und schaut die beiden Hirsche versonnen an. Sie erzählt: »Wenn ich von meiner Arbeit komme, und ich bin ganz geschafft und kann mich dann hierher setzen, und ich seh diese Bilder - das ist für mich wie ein Geschenk.«


Ein Hauch vom Paradies

Wenn Wildtiere uns so nahe kommen, ist das für uns etwas ganz Besonderes, ein Geschenk. Wir fühlen uns in ihrer Nähe auf besondere Weise in der Natur aufgehoben, in ihr heimisch. Tiere, die vertraut sind, die nicht in panischer Flucht davonrennen, wenn ein Mensch sich nähert, sondern gelassen weiter das tun, was in ihrer Natur liegt - das ist für uns Menschen wie ein Märchen, wie ein Hauch vom Paradies.

Das Paradoxe ist: Die Vertrautheit mit den Menschen wäre eigentlich das natürliche Verhalten der Tiere! In unbejagten Gebieten sind die Erfahrungen überall die gleichen: Die Tiere verlieren die Scheu vor dem Menschen. Wildlebende Tiere können sich so ziemlich an alles gewöhnen, was Menschen in Wäldern und Fluren treiben. Sie gewöhnen sich nachweislich auch an Erholungssuchende. Weil wir in den Nationalparks bei den verschiedensten Tieren, wenn sie nicht verfolgt werden, solche Vertrautheit beobachten, spricht man hier vom Nationalpark-Effekt. Allein an Verletzung und Tod kann sich kein lernfähiger Organismus gewöhnen - weder Mensch noch Tier. Und darum laufen Wildtiere in unseren Wäldern und Feldern überall panisch vor Menschen davon - weil eine Minderheit von 0,4% der deutschen Jäger sind und Freude daran haben, auf Tiere zu schießen...


Jagd macht Tiere scheu

Die Verfolgung bei der Jagd ist die größte vorstellbare Störung für wildlebende Tiere. Was tun wir damit den Tieren an - und auch uns selbst? Denn wer würde sich nicht freuen, öfter einmal - beispielsweise bei einem Waldspaziergang - Wildtiere beobachten zu können? Vielleicht eine Fuchsmutter mit ihren Welpen? Oder ein Rudel Rehe, das nicht davonrennt, sondern stehen bleibt und uns anschaut? Doch die Wildtiere in unseren Wäldern und Feldern machen prägende negative Erfahrungen mit jagenden Menschen. Gerade die zutraulichsten Tiere werden am ehesten abgeschossen. Und so sind es die Jäger, die die Tiere scheu machen und sie zu hohen Fluchtdistanzen und sogar Verhaltensänderungen zwingen: Rehe beispielsweise, die eigentlich Bewohner der Wiesen und Waldränder sind, verlassen ihre artgemäße Umgebung und flüchten in die Wälder, die ihnen Deckung vor den Nachstellungen der Jäger bieten. Doch hier finden sie nicht die Gräser und Kräuter, die ihr Körper zum Leben braucht, und so knabbern sie an den Bäumen - und dann wird geschimpft, die Rehe würden den Wald »verbeißen« und müssten noch stärker bejagt werden... Und viele von der Natur her tagaktive Tiere trauen sich erst im Schutze der Nacht aus der Deckung des Waldes heraus, um Nahrung zu suchen. Das, was wir so leichtfertig als »Jagd« umschreiben, bedeutet für Wildtiere nichts anderes als die dauernde Bedrohung durch lauernde Heckenschützen und versteckte Totschlagfallen.

Die Mär vom Jäger als Naturschützer ist längst widerlegt. Wissenschaftliche Studien belegen die Selbstregulierungsfähigkeit der Natur. Auch die Erfahrungen in großen europäischen Nationalparks - wie dem Schweizer Nationalpark oder dem Nationalpark Gran Paradiso in Italien - und unbejagten Gebieten wie der griechischen Insel Thilos zeigen: Ohne Jagd geht es Natur und Tieren viel besser!


Solidarität mit Peter und Paul

Tierschützer aus ganz Deutschland bekundeten ihre Solidarität mit Peter, Paul und den Bewohnern aus Katzhütte. Die Unabhängige Tierschutzunion Deutschlands schrieb Umweltminister Sigmar Gabriel an, mit der Bitte, dass er sich dafür einsetzen möge, dass Peter und Paul nicht abgeschossen werden. Eine Antwort auf diese Bitte blieb der Umweltminister offenbar schuldig.


Am 12. August endete das Sommermärchen

Doch auch die zweite Variante, dass die Hirsche betäubt und in ein Gehege gebracht werden, lehnten die meisten Anwohner ab. Ohne Erfolg. Am 12. August, vormittags um 10 Uhr, wurde einer der Hirsche betäubt und in einen Lkw verfrachtet.

Eine österreichische Zeitung titelte: »Deutschland in Aufruhr: Hirsch Peter betäubt und abtransportiert« (Kleine Zeitung, 12.8.2008). - »Die Bürokratie atmet durch. Endlich hat sie wieder Ruhe«, wurden enttäuschte Anwohner in der Presse zitiert.

Der Hirsch aus Katzhütte wurde in das Nordhäuser Tiergehege im Stadtpark gebracht. Nordhausens Bürgermeister Matthias Jendricke war durch einen Medienbericht auf die Katzhütter Hirsche Peter und Paul aufmerksam geworden. Er wollte das Tier vor einem eventuellen Abschuss bewahren - ein vorbildlicher Einsatz eines Bürgermeisters! Und vielleicht hat der Bürgermeister von Nordhausen damit einem der beiden Hirsche tatsächlich das Leben gerettet.

Doch warum nur meinen manche Menschen, dass Tiere, die Vertrauen zu Menschen gefasst haben, entweder getötet oder eingesperrt werden sollen? Vor allem Jäger sind der Meinung, Tiere die nicht in Panik vor dem Menschen davonrennen, seien nicht normal, nicht natürlich. - Aber ist nicht in Wahrheit diese Einstellung zur Natur völlig unnatürlich?

Hirsch Peter kommt weiterhin nach Katzhütte. Doch es ist nicht mehr wie früher. Er trauert um den Verlust von Paul. Auch viele Einwohner sind über das traurige Ende des Märchens von Katzhütte sehr betrübt. Und die Frage bleibt: Darf man nur mit eingesperrten Tieren Freundschaft schließen?



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